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6. Meditationsnacht 2010

Sechste Nacht im Alpstein – in Natur und Stille                      3.-4. September 2010

 

Nach dem Ableuchten der Säntiswand in abenteuerlichstem Rot, beginnt es zu dunkeln. Bald leuchten die Sterne unzählig. Hier oben stört kein Kunstlicht, die Luft ist rein. Der Anblick des Sternenhimmels sorgt von selbst für ehrfürchtige Stille. Die sechste Meditationsnacht auf der Chammhalde hat begonnen.

 

Ich lasse mich ein. Damit beginnt jeder Wandlungsprozess. Wandlung ist das Thema dieser Nacht. Nach dem bewährten Programm haben wir drei gemeinsame Zeiten im Stall, der zum Meditationsraum eingerichtet ist. Ein Impuls mit anschliessender Meditation. Dann gestaltet jeder und jede die Zeit selber.

 

Die meiste Zeit verbringe ich ganz oben am Chamm, der Säntiswand sehr nahe. Zuerst meditiere ich. Hier oben kann ich mich besonders leicht mit dem Raum, der mich umgibt, verbinden. Die Weite steckt an. Man sieht bis weit über den Bodensee, über mir die Milchstrasse. Der Berg hinter mir stärkt den Rücken. Die Grasmulde mit Geröll, in der ich sitze, atmet mit. Der Wind fächelt angenehm. Trotz dem Neuschnee am Berg oben, ist diese Nacht erstaunlich mild.

 

Ich bin einfach da, spüre, wie ich immer noch mehr herunterfahren kann, subtil versteckte Hektik. Der Arbeitsalltag ist intensiv. Oft verliere ich die innere Ruhe. Hinter den vielfältigen Gedanken, die kommen und gehen wie der Wind, spüre ich eine ruhige Wachheit. Es ist gut. Hier beginnt der Weg der Wandlung. Wie ich ihn gestalte, das nennt man Spiritualiät. Eine Bergwand ist in diesem Sinn nicht spirituell, sondern eine Bergwand, die ihre Athmosphäre hat. Ebenso das Geröll, die Sterne, die Gräser. Alles kann mir zum Symbol werden. Allem kann ich etwas abgewinnen, weil es zu mir spricht. Spirituell ist meine innere Haltung, wie ich mit mir und der Umwelt umgehe. Will ich hören? Will ich gewahrwerden, wie die Kräfte Gottes in der ganzen Schöpfung da sind, in geschwisterlicher Verbundenheit? Wenn ich den lebendigen Geist als Realität spüre, dann kann mir allerdings jeder Stein zur spirituellen Anregung werden. Ein Menschengesicht kann man ganz materiell als das Produkt der Gene ansehen. Ich kann aber auch in jedem Gesicht Gott selber erkennen, den Christus.

Ich bin einfach da und nehme wahr, was in mir ist. Ich betrachte, beobachte, atme. Wandlung kann man nicht machen. Es ist umgekehrt, man kann sich ihr nur hingeben. Dieser Weg der Wandlung, der ja auch der christliche Weg ist, beginnt meist nicht mit strahlenden Ergebnissen. Ich lerne, auch meinen Schwächen mit Respekt zu begegnen. Anders wächst weder Wandlung noch Befreiung.

 

Nach dem Mitternachtstreffen im Stall liege ich wieder oben vor der Wand im Gras. Die Naturschönheit macht mich unerhört dankbar. Das Herz weitet sich. Ich bekomme so viel, fühle mich wohlig, angenommen. Wunderbar, so einzuschlafen. Ein Wassertropfen weckt mich. Der Himmel hat sich mit Wolken überzogen. Dazwischen tanzt der Sichelmond, schneidet ab, was fixiert ist, dem Leben im Weg steht.

 

Im Abendmahl geht es auch um die Wandlung. Nicht zuletzt ist jede Wandlung Ausdruck der Auferstehung. Reformierte Christen sehen sie insbesondere in der inneren Wandlung des Herzens, das sich berühren lässt vom zukunftsträchtigen Licht des Auferstandenen, und dann danach lebt. Im christlichen Glauben warten viele spirituelle Schätze, dass sie endlich wieder gehoben werden. Zum Beispiel das Verklärungslicht. Was Jesus einigen Jüngern zeigte, ist die Bestimmung für alle Menschen. Es zeigt in leuchtender Vorausnahme, was noch zu erarbeiten ist. Und die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig darauf, dass das Eis in unseren Herzen schmilzt!

 

Martin Buber sagt: Am Du werde Ich. Auch die Natur ist mir ein geliebtes Du. Ich verbinde mich mit diesem Du, vergesse mich selbst, bis ich aus meinen Egotänzen gewandelt hervorgehe, bis das Verklärungslicht auch in mir an Kraft gewinnt. Zufrieden und dankbar teilen wir mitenander das Abendmahl. Durch die offene Stalltür dämmert ein neuer Tag herein.

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