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12. Meditationsnacht 2016

Eine Nacht im Alpstein, 2./3. September 2016

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Neun Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die Jüngste 9 Jahre alt. Vier sind zum ersten Mal dabei gewesen. Die zwölfte Meditationsnacht auf der Chammhalde war angenehm warm und trocken.


Mit einem Gedicht von Eugène Guillevic haben wir uns eingestimmt auf die Stille, auf das Zurückgeworfensein auf sich selbst, auf das Erleben der Natur. „Ich will eintreten,/ Doch ich weiss/ Weder wo, noch in was.// Es könnte da sein,/ Wo ich verschmelzen würde// Mit der Quelle dessen,/ Was mir immer nötig war.“
Die Nacht war auch ohne Mond erstaunlich hell. Lange sass ich oben an der Wand, wo der Bergweg beginnt. Ich konnte am Felsen anlehnen. Über mir war er leicht überhängend. Dieses Jahr erlebte ich diese Wand im Rücken als väterliche Kraft, die mich ermutigt und aufrichtet, mir ein gesunders Selbstbewusstsein vermittelt.
Nach dem mitternächtlichen Treffen im Stall lag ich auf halber Höhe, auf der Potersalpseite im Gras. Liegend ist der Sternenhimmel am Weitesten. Die Kassiopeia war direkt über mir. Eine Sternschnuppe berührt einen schon ganz anders als die vielen Positionslichter von Flugzeugen, die aus allen Richtungen Kloten ansteuern.
Einfach daliegen, nichts denken. Nicht müde war ich, sondern wach. Dann kam die Beobachtung hinzu, wie sich mein Körper mehr und mehr entspannt. Schliesslich die Beobchtung, wie die Augen zufallen. Dass ich einschlief, merkte ich erst, als ich wieder erwachte und der Himmel sich inzwischen um ein paar Grade weiter gedreht hat.
Oft ist es nicht einfach, keinen Leistungsdruck auf sich auszuüben, um irgend eine spirituelle Trophäe nach Hause tragen zu können. Solche Dinge sind nicht verfügbar, weil sie eben keine Dinge sind.

Ein Gedicht von Jacques Prévert half, sich auf das wache Loslassen einzustimmen. Ich begegnete diesem Gedicht, das einige Teilnehmerinnen in meinem Alter aus der Schulzeit schon kannten, im Film „Zen for nothing.“ Die Hauptdarstellerin ist besonders berührt davon, dass der Vogel vielleicht sofort kommt, oder ebensogut erst nach Jahrzehnten. Dieses zeitlose Sein ist für unsere gehetzte materialistische Kultur besonders unfassbar, um nicht zu sagen erschütternd. Das Gedicht heisst: Um das Bild eines Vogels zu malen.
„Zuerst einen Käfig malen/ mit einer offenen Tür/ dann etwas Nettes malen/
etwas Einfaches, etwas Schönes,/ etwas Nützliches für den Vogel/
Dann die Leinwand an einen Baum lehnen/ in einem Garten, in einem Wäldchen,/ oder in einem Wald/
Sich verstecken hinter dem Baum/ ohne etwas zu sagen, ohne sich zu bewegen…
Manchmal kommt der Vogel schnell/ aber es kann ebensogut lange Jahre dauern/
bevor er sich entscheidet/
Sich nicht entmutigen/ warten/ warten, wenn es sein muss während Jahren/
die Geschwindigkeit oder die Langsamkeit der Ankunft des Vogels/ hat nichts zu tun/
mit dem Gelingen des Bildes/ Wenn der Vogel kommt/ wenn er kommt/ bewahre die tiefste Stille/
warten, bis der Vogel in den Käfig schlüpft/ und wenn er drinnen ist/
sachte mit dem Pinsel die Tür schliessen/ dann/ einen um den anderen die Stäbe entfernen/
sorgsam, um nicht eine der Federn des Vogels zu berühren/ Als nächstes das Bild des Baumes malen/
den schönsten Ast für den Vogel wählen/ auch das grüne Laub malen und die Frische des Windes/
den Staub der Sonne/ und das Summen der Insekten im Gras in der sommerlichen Hitze/
und dann warten, dass sich der Vogel entscheidet, zu singen/
Wenn der Vogel nicht singt, schlechtes Zeichen/ Zeichen, dass das Bild schlecht ist/
Aber wenn er singt, ist es ein gutes Zeichen/ Zeichen, dass Sie unterschreiben können/
Dann rupfen Sie ganz vorsichtig/ eine der Federn des Vogels
und schreiben Ihren Namen in eine Ecke des Bildes.

Besonders Bergnächte haben es in sich. Die Stille ist so stark präsent, dass man ihr zärtliches Wesen spürt, das uns nach innen führt, heilend, lösend, klärend.

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