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11. Meditationsnacht 2015

Eine Nacht im Alpstein, 4./5. September 2015

Eine Nacht im Alpstein 4./5. September 2015

Mit 8 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ist die Gruppe dieses Jahr kleiner gewesen als im Vorjahr. Das kommt dem Erleben der Ruhe am Berg und im eingenen Innern aber nur entgegen. Die Hälfte der Teilnehmer war zum ersten Mal dabei.

Zur Einstimmung hörten wir das wunderbare Gedicht des Spaniers Juan Ramón Jiménez: Yo no soy yo. „Ich bin nicht ich. Ich bin jener, der an meiner Seite geht, ohne dass ich ihn erblicke, den ich oft besuche und den ich oft vergesse. Jener, der ruhig schweigt, wenn ich spreche, der sanftmütig verzeiht, wenn ich hasse, der umherschweift, wo ich nicht bin, der aufrecht bleiben wird, wenn ich sterbe.“

Wenn ich glaube, ich sei zu müde, um noch einen klaren Gedanken denken zu können, um noch aufrecht sitzen zu können, dann kann tatsächlich eine neue hintergründige Wachheit auftreten: diese grosse Ich. Man redet auch vom inneren Beobachter. Paulus würde dazu sagen: es ist der Christus, der in mir lebt, der mich liebevoll begleitet. Heute nennen viele Menschen diesen Beobachter im eignen Inneren auch den Schutzengel. Sobald ich mich der Ruhe in der nächtlichen Natur wirklich öffne, gebe ich auch dem inneren Begleiter mehr Raum und je mehr ich müde bin, desto freier kann er sich bewegen, sich mir zeigen.

Wie jedesmal begannen wir zuerst im Stall, der in dieser Nacht unser Meditationsraum ist. Mit uns sass auch ein Marder drin, der sich nach Mitternacht auf dem Heuboden leise regte und kurz an etwas knabberte. Unser Thema war die Frage: Wie kann ich ganz da sein? Wir hörten in einer Geschichte von der indischen Vorstellung, dass Gott der Tänzer ist und die Schöpfung sein Tanz. Wenn ich mein Analysieren, mein Hirnen und Grübeln loslasse, wenn ich einfach den Tanz betrachte, dann werde ich immer mehr auch den Tänzer erahnen. Wenn du einen Vogel zum ersten Mal wirklich singen gehört hast, dann hast du den Tänzer gesehen.

Ich zeigte meinem Freund aus Belgien den Weg über die Chammhalde zur Wand hoch. Es war so dunkel, dass es nicht ohne Stirnlampe ging. Lange sassen wir mit dem Rücken an der Säntiswand und betrachteten die Aussicht. Die Ruhe hier oben war mein stärkster Eindruck. Einfach nur ruhig. So ruhig, dass mein eifriges Suchen nach Erfahrungen zum inneren Lärm geriet. Allerdings gab es wirklich verschiedenste Eindrücke. Zuerst mal die mächtige kraftvolle Wand hinter mir. Ich wollte sie spüren, schaute an ihr hoch. Dann waren da auch die steilen Wiesen unter mir, die sich in der Dunkelheit verloren. Man konnte nicht sehen, wie steil sie wirklich sind. Ebenso eindrücklich war die dunkle Regenwolke, die den Säntis einhüllte. Als Kontrast dazu zog sich ein heller wolkenloser Streifen von Westen nach Osten über den ganzen Horizont.
Bald wurde mir bewusst, dass ich nicht zugleich alles genau betrachten kann. Meine Müdigkeit kam mir zu Hilfe, so dass ich das genaue Hinschauen liess und nur noch im Gras sass, den Blick auf das Ganze gerichtet, ohne Einzelheiten ins Auge zu fassen. Auf diese Weise spüre ich sofort auch mich selber viel besser. Ich bin ein Teil des eindrücklichen Ganzen, das mich umgibt. Die Ruhe beginnt zu atmen.
Und bald schon begannen die Regentropfen zu klingen. Nach dem gemeinsamen sitzen um Mitternacht ging ich wieder den Chamm hoch zu meinem Tarptent. Die Wiesenmulde war in eine graue Wolke gehüllt. Es regnete gleichmässig. Die Ruhe umfing mich wohltuend. Bald döste ich ein, immer wieder mal halb wach, dann wieder schlafend, habe ich mich der Ruhe anvertraut. Das tat einfach gut. Es beruhigte mich selbst. Ich spüre mich selbst, meine Müdigkeit, aber auch die Freude, hier oben zu sein.

Die meisten Teilnehmer zogen es vor, unter Dach zu bleiben. Sie wickelten sich auf der Meditationsmatte in eine Decke oder krochen in den warmen Schlafsack. Frühmorgens, noch bevor es hell zu werden begann, zogen helle weisse Wolken über den Chamm. Der Regen hatte nachgelassen. Mit dem Abendmahl schlossen wir diese Nacht ab. Auch das Abendmahl ist eine Meditation.

Die Nacht am Berg muss auf keine Art spektakulär sein. Mit allen Fasern die Ruhe in sich aufnehmen, das genügt. Die symbolischen Brücken zu Gott hin, ergeben sich später. Sie setzen aber diese einfache Nacht in der regnerischen Bergruhe voraus.

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