Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde

Urnäsch

Startseite | Aktuelles | Kontakt

15. Meditationsnacht 2019

Eine Nacht im Alpstein, 6./7. September 2019

16-09-03-Bild-zur-Meditationsnacht.jpg

Das kühle Regenwetter beendete den warmen Sommer. An der fünfzehnten Meditationsnacht auf der Chammhalde waren wir acht Personen. Zwei waren zum ersten Mal dabei. Meist war der Chamm nebelverhangen. Es regnete ununterbrochen die ganze Nacht. Gut hatten wir die Alphütte und den neuen Stall zur Verfügung.

Das Thema war wie letztes Jahr aus einem Text von Jean-Yves Leloup. Starez Seraphim vom Berg Athos bringt einem jungen Mann bei, wie man meditiert. Zuerst lernte er meditieren wie ein Berg, die gute Verwurzelung. Dann lernte er meditieren wir eine Blume. Er musste die rechte Ausrichtung auf das Schöne, auf das Licht lernen. Auch die Elastizität der Wirbelsäule hiess es zu lernen, gelassen wie ein Blumenstengel. Er lernte, ohne Absicht zu meditieren.

Nun sollte er lernen, wie der Ozean zu meditieren. Bald verstand er, seinen Atem an den grossen Atem der Wellen anzuschliessen. Einatmen – ausatmen. Der Atem kommt, der Atem geht. Sich tragen lassen von der Atemwelle, wie von den Wellen des Meeres. Das führte ihn anfangs manchmal an den Rand einer totalen Selbstvergessenheit, eines Bewusstseinsverlustes. Aber der Wassertropfen, der sich damals im Meer verlor, bewahrte heute seine Gestalt, sein Bewusstsein. War dies die Folge seiner Verwurzelung wie die eines Berges und seiner Haltung wie die einer Blume? Er wurde vom tiefen Rhythmus seines Atems nicht mehr weggetragen. Der Wassertropfen bewahrte seine Identität und dennoch spürte er, dass er „eins“ war mit dem Ozean. Meditieren ist ein sich Überlassen dem Kommen und Gehen des Atems.
Starez Seraphim sagte: „Wer aufmerksam den Wellen seines Atems lauscht, ist nicht weit von Gott.“

An der Säntiswand oben war ich allein. Ich sass fast am Trockenen, weil die Wand hier so steil ist. Kein Tier, kein Laut. Nichts zu sehen. Nur der Regen tropfte auf den Schirm. Mit der Felswand hinter dem Nebel, wurde er schwarz dräuend. Je nach eigener Stimmung könnte es mir sehr unheimlich werden. Ich genoss diesmal das wohlige Verpackt sein, die fehlende Aussicht. Das Wetter half mir, rascher bei mir anzukommen, in einer selbstverständlichen Ruhe. Nur meine Socken wurden klatschnass vom Gras. Nicht denken, nur da sein. Im Licht der Taschenlampe glänzten die Wassertropfen in den Frauenmänteln wie klare Perlen. Und der Nebel floss in grossem Tempo durch den Lichtkegel.

Um Mitternacht lag der thematische Schwerpunkt auf der Atemwende. Wenn die Welle den Strand hochgerollt ist, wird es einen Moment ganz still, bevor sie sich wieder zurückzieht. Dieser Augenblick der Atemwende kann zur Tür werden zur Leerheit, christlich gesprochen zur Fülle, ein wahrhaftes Nadelöhr, in dem einen die Stille ins Unendliche weiten kann.
Lass all deine Bilder los. Der Nebel hat mir die äusseren Bilder genommen. Lass auch die inneren Bilder. Vertrau dich dem Rhythmus des Atems an, bildlos. Wage den Sprung ins Leere. Dies bedeutet das Sein „in Christus“. Mit einem Abendmahl haben wir die Nacht abgeschlossen. Nach einem einfachen Zmorgen das gemeinsame Aufräumen.

Ich fahre das Gepäck der Gruppe zur Schwägalp. Es war schön, unspektakulär schön. Die Geborgenheit im Stall, nur von drei Petrollampen erhellt. Die Wärme in der Hütte. Beides liess die Befürchtungen von Kälte und Nässe sich in Luft auflösen.

« zurück

Konzept & Realisation Jakob Meier, Urnäsch © 2020